Musik im Fokus

LETO

Russland 2018, 126 Min, OmU, DCP, FSK: ab 12
Regie: Kirill Serebrennikov Buch: Kirill Serebrennikov, Kamera: Vladislav Opelyants, Musik: Roman Bilyk
Mit: Teo Yoo, Roman Bilyk, Irina Starshenbaum, Filipp Avdeyev u.a.

 

 

DO 6.12. FR 7.12. SA 8.12. SO 9.12. MO 10.12. DI 11.12. MI 12.12.
-- 21:00 19:00 17:00 20:00 20:00 20:00

Zur Zeit sitzt Kirill Serebrennikov in Russland im Hausarrest. Sein Film „Leto“ spielte in seiner Abwesenheit in Cannes und es könnte kein besserer Kommentar zu Serebrennikovs Situation geben, als diesen Film über Musik, über Liebe, über das Rebellieren in einem Land, das all dies zu regulieren oder zu unterdrücken versucht. Und so tanzte „Leto“ an der Croisette sogar noch ein bisschen lauter, ein bisschen politischer seinen betrunkenen Punkrock-Tanz als eigentlich geplant.

„Leto“ heißt Sommer und dieser Sommer im sowjetischen Leningrad der frühen 1980er Jahre hat fast alles, was einen Sommer ausmacht. Zumindest für die kleine Gruppe Punkmusiker und ihre Fans, die sich hier gefunden haben und die in ein paar Jahren einmal teilhaben werden an der Revolution, die den Kalten Krieg beenden wird. Doch jetzt sind sie noch kleine Fische, gefangen in einem klitzekleinen Aquarium, in dem man in einem staatlichen Rock-Club seine Musik zum Besten gibt. Es ist rockig, es ist punkig, aber nur mit Akustikgitarren, zensierten Texten und Aufpassern, die dafür sorgen, dass das Publikum ja nicht in Tanz und Tumult ausbricht. Star dieser Szene ist Mike, Sänger der Gruppe Zoopark, eine Figur, die die Band Aquarium und ihren Frontmann Boris Borissowitsch Grebenschtschikow widerspiegelt. Mike ist ein alter Hase, fast schon ausgelutscht von der ewigen Zensur und doch kann er nicht anders. Punk ist eben eine Lebenseinstellung, nicht nur eine Musikrichtung. Zu Hause ist er dann aber doch zahmer. Er wohnt mit seiner Freundin Natascha und ihrem Sohn in einem kleinen Zimmer. Sie verbringen ihre sonstige Zeit mit beschissenen Jobs und dem gemeinsamen Hören von Platten: Bowie, Dylan, T-Rex, Sex Pistols, Velvet Underground – sie alle sind vertreten in diesem Film. Als Vorbilder, als Sinnbilder, als Sehnsuchtsbilder dieser Jugend ohne Zukunft.

„Leto“ bricht immer wieder aus seinen schwarz-weißen Bildern aus und fügt zwei Meta-Ebenen ein, die sich als genial herausstellen. Zum einen gibt es immer wieder Gesang. Egal ob Iggy Pops Passenger, Lou Reeds Perfect Day oder Psychokiller von den Sex Pistols – der ideologische Klassenfeind bricht mit seiner Kunst in den Film ein, gepaart mit wunderbaren Zeichnungen, bei denen eine Anlehnung an die MTV-Ästhetik der 1990er Jahre nicht abzustreiten ist. Hier wird es wundervoll albern, ein paar Momente voller Surrealem, jugendlicher Albernheit und Imagination, die den tristen Alltag in der Tram zu einem Medley machen. (Kinozeit)