Lateinamerikanisches Kino

REY

CHILE/F/NL/D 2017, 90 Min., span.OmU, DCP, FSK: k.A., Regie+Buch: NILES ATALLAH
Kamera: Benjamin Echazarreta, Musik: Sebastián Jatz
Mit: Rodrigo Liboa, Claudio Riveros

DO 28.2. FR 1.3. SA 2.3. SO 3.3. MO 4.3. DI 5.3. MI 6.3.
20:00 19:00 21:00 15:00 -- -- --

Diese kuriose Fußnote in den Geschichtsbüchern ist fast vergessen: Im Jahre 1858 reist der exzentrische französische Abenteurer Orélie-Antoine de Tounens durch Südchile und Argentinien, um dort die indigenen Völker unter sich zu einen und sich zu deren König krönen zu lassen. Begleitet wird er von Juan Bautista Rosales, einem ortskundigen Führer, der ihn zu den Mapuche bringen soll. Und tatsächlich: Die Bewohner des Gebietes wählen de Tounens zu ihrem Oberhaupt und er nennt sich fortan König von Araucana und Patagonien. Als er sich um die offizielle Anerkennung seines eigenmächtig proklamierten Königreiches bemühte, machte Chile kurzerhand de Tounens den Prozess und verwies ihn des Landes. Mehrere Rückkehrversuche nach Patagonien misslangen ihm. Heute ist sein Möchtegern-Reich, für das sogar nominell Thronfolger bereit stehen, nur noch wenigen Menschen ein Begriff.

Diese unglaubliche Episode greift der chilenisch-amerikanische Filmemacher Niles Atallah in „Rey“ („König“) auf. Ihm geht es keineswegs um eine akribische Aufarbeitung der damaligen Ereignisse, deren Fakten ohnehin nur bruchstückhaft bekannt sind; sie wurden zum Fundament einer reichen Legendenbildung. Stattdessen spielt der Regisseur mit diesen Fragmenten, setzt sie neu zusammen und erschafft seine eigene, surrealistische anmutende Story, um die schwer fassbare Innenwelt seiner Hauptfigur zu bebildern.

Sieben Jahre lang arbeitete er an dem Film, experimentierte mit Filmmaterial, bearbeitete es mit Kolorierung und Einkratzungen, einen Teil davon vergrub er sogar für einige Zeit in der Erde, damit es möglichst stark gealtert erscheint. Die korrodierten Negative schaffen psychedelisch anmutende Bilder, die im letzten Drittel zu einer halluzinatorischen Sequenz geschnitten werden. Lässt man sich voll und ganz auf den irrlichternden visuellen Stil und die künstlerische Realisierung ein, wird man mit einem innovativen filmischen Erlebnis belohnt. - Sonderpreis der Jury beim Filmfestival in Rotterdam 2017. (nach: filmstarts, kunstundfilm)